Gewaltfreie Kommunikation: Die 4 Schritte – So gelingt es wirklich

Mit den 4 Schritten der Gewaltfreien Kommunikation kannst du klar und deutlich ansprechen, was dir nicht passt und dabei wertschätzend und freundlich bleiben. Ich zeige ich dir, was es mit den 4 Schritte auf sich hat und wie man sie so anwendet, dass es klappt – einfach und praxisnah.

Inhaltsverzeichnis

1. Wie du in 4 Schritten Kritisches äußern kannst, ohne dass es kracht

Thea steckt in der Endphase eines sehr herausfordernden Projekts. Am Morgen hat sie mit Paul besprochen, dass sie sich einen gemütlichen Abend machen werden. Thea kommt um 20h nach Hause. Schon als sie die Tür aufmacht, sieht sie auf dem Esszimmertisch Berge von Papier liegen. Auf dem Boden stapeln sich Aktenordner. Paul sitzt mittendrin.

Folgt Thea ihrem ersten Impuls, wird ihre Begrüßung womöglich so klingen: „Sag mal, was soll denn dieses Chaos? Ich dachte, wir machen uns einen gemütlichen Abend und jetzt ist die ganze Wohnung vollgemüllt!“ Mit diesem Intro werden Paul und Thea an diesem Abend vermutlich wenig Spaß miteinander haben.

Soll Thea stattdessen ihren Unmut lieber für sich behalten? Aus kommunikationspsychologischer Sicht ist das auch keine wirklich stimmige Alternative. Wahrscheinlich fühlt sich Paul dann zwar nicht auf den Schlipps getreten, doch bei Thea brodelt’s weiter. Richtig entspannen wird sie auf diese Weise sicher auch nicht wirklich.

Gut, dass es hier die 4 Schritte der Gewaltfreien Kommunikation gibt! Sie nämlich können Thea dabei helfen, das, was ihr wichtig ist, ansprechen zu können – ohne dass Paul sich angegriffen fühlt und dadurch ein unnötiger Krach entsteht.

2. Vom Sinn und Zweck der 4 Schritte

Wenn Thea sagt: „Sag mal, was soll denn dieses Chaos? Ich dachte, wir machen uns einen gemütlichen Abend und jetzt ist die ganze Wohnung vollgemüllt!“ legt sie eine kommunikative Tretmine nach der anderen aus. Damit ist sie übrigens nicht allein. Die meisten Menschen sagen häufig Dinge, die ein hohes Eskalationspotenzial haben. Ohne es zu wollen wird Kommunikation so schnell zu einem explosiven Minenfeld – insbesondere, wenn kritische Themen angesprochen werden sollen.  

Du möchtest mehr über Sprache mit Eskalationspotenzial erfahren? Dann lies meinen Blog zu „Gewaltfreie Kommunikation – Was ist das und was bringt es?“

Die 4 Schritte der GFK helfen dir, klar und prägnant zum Ausdruck zu bringen, worum es dir geht und dabei wertschätzend und verbindend zu bleiben. Mithilfe der 4 Schritte kannst du gut und sicher durch Gespräche führen – auch wenn sie herausfordernd sein sollten.   

Die 4 Schritte der Gewaltfreien Kommunikation sind dabei eine Art Formatvorlage. Sie helfen dir, Formulierungen zu wählen, die weniger anecken als das, was man für gewöhnlich so sagt.

Auch dem „inneren Durcheinander“ kannst du mit den 4 Schritten erfolgreich zu Leibe rücken. Mit ihrer klaren Struktur helfen sie dir, deine Gedanken und Gefühle zu ordnen und zu bündeln. Das ist insbesondere wichtig, wenn du dich bspw. ärgerst, angegriffen oder verletzt fühlst. Mithilfe der 4 Schritte kannst du deinen Gefühlen auf den Grund gehen und besser verstehen, was dich wirklich bewegt. So kannst du dich verständlicher mitteilen und wirst daher auch besser verstanden.


3. Die 4 Schritte im Überblick    

Nach Marshall B. Rosenberg und der „klassischen“ GFK-Literatur bestehen die vier Schritte der GFK aus:

  1. Beobachtung
  2. Gefühl
  3. Bedürfnis
  4. Bitte

Manchmal wird der zweite Schritt auch als „Befindlichkeit“ bezeichnet. Das hat den Vorteil, dass dann alle vier Schritte der GFK mit einem B anfangen. Einige meiner Seminarteilnehmer*innen können sich so am Anfang die vier Schritte leichter merken. Ich selbst nutze in aller Regel die „klassische“ Variante. Ich spreche deshalb von „Gefühlen“ und nicht von „Befindlichkeiten“. 

4. Die 4 Schritte: Schritt für Schritt

Wie gesagt, die vier Schritte der GFK helfen dir, so zu sprechen, dass du mögliches Eskalationspotenzial auf ein Minimum reduzierst. Wie das geht, zeige ich dir jetzt Schritt für Schritt und anhand des Beispiels von Thea und Paul. Hier nochmals der Fall zur Erinnerung:

Thea steckt in der Endphase eines sehr herausfordernden Projekts. Am Morgen hat sie mit Paul besprochen, dass sie sich einen gemütlichen Abend zusammen machen werden. Thea kommt um 20h nach Hause. Schon als sie die Tür aufmacht, sieht sie auf dem Esszimmertisch Berge von Papier liegen. Auf dem Boden stapeln sich Aktenordner. Paul sitzt mittendrin.

Folgt Thea ihrem ersten Impuls, wird ihre Begrüßung womöglich so klingen: „Sag mal, was soll denn dieses Chaos? Ich dachte, wir machen uns einen gemütlichen Abend und jetzt ist die ganze Wohnung vollgemüllt!“ und vermutlich werden Paul und Thea so an diesem Abend wenig Spaß miteinander haben.

Jetzt zeige ich dir, wie es anders geht. Los geht’s:

4.1. Schritt 1: Beobachtung

Insbesondere, wenn du jemandem etwas Kritisches mitteilen möchtest, ist eine saubere Beobachtung die Eintrittskarte in eine wertschätzende Kommunikation. Es macht durchaus Sinn, einen ernsthaften Austausch mit einer Beobachtung zu beginnen, denn:

Mithilfe der Beobachtung

  • wird deinem Gegenüber klar, auf welches konkrete Ereignis/Verhalten du dich beziehst;
  • können mögliche Abweichungen hinsichtlich des konkreten Geschehens aufgedeckt werden;
  • kannst du insbesondere, wenn du z. B. ärgerlich oder verletzt bist, etwas Ruhe in dein System bringen. Durch die Beobachtung kannst du nämlich das, was geschehen ist, entdramatisieren und auf eine sachliche Ebene bringen.

Beobachtungen sind völlig wertfrei. Für Beobachtungen gilt das „ZDF-Prinzip“, denn hier geht es ausschließlich um Zahlen, Daten und Fakten. Beobachtungen sind deshalb auch nicht mit persönlichen Bewertungen „gespickt“.  

Konkret bedeutet das: Wenn du eine Beobachtung machst, dann sind Adjektive, also Wie-Worte, tabu!

Hier ein paar Beispiele, die deutlich machen, wie wir häufig sprechen und wie stattdessen eine Beobachtung klingt. Damit klar wird, wo sich im „normalen“ Satz der Vorwurf, die Bewertung oder das Urteil befinden, habe ich genau diese Sprachmuster mit Eskalationspotenzial kursiv gekennzeichnet.

Beispiele

Vorwurf                       Du hörst mir mal wieder nicht zu!
Beobachtung              Während ich dir erzähle, wie es heute im Geschäft gelaufen ist, hast du das Handy
in der Hand und schaust auf das Display.

Bewertung                   Ich mag es nicht, wenn du mich so blöd anmachst, wie gerade eben!
Beobachtung               Du hast gerade zu mir gesagt: „Na Mausezähnchen, haben wir mal wieder
gesprochen, bevor wir nachgedacht haben?“

Urteil                           Ich finde deine Erziehungsmethoden absolut grenzwertig!
Beobachtung               Ich habe gestern mitbekommen, dass du zu Lotta gesagt hast: „Du gehst jetzt in
dein Zimmer und kommst erst zurück, wenn du dich dafür entschuldigst, was du
zum armen Luka gesagt hast.“

Wie klingt nun Schritt 1 im Fall von Thea und Paul?

Thea (in gefasstem, ruhigen Ton): Wir hatten heute Morgen beim Kaffee ausgemacht, dass wir heute einen gemütlichen Abend zusammen verbringen wollen. Jetzt komme ich nach Hause und sehe dich zwischen Papierstapeln und Aktenordnern am Esszimmertisch sitzen.

4.2. Schritt 2: Gefühl

Im nächsten Schritt der GFK geht es darum, deinem Gegenüber mitzuteilen, welches Gefühl das konkret beobachtbare Verhalten bei dir auslöst. Diese „gefühlsmäßige Komponente“ ist wichtig, weil du damit dein Gegenüber emotional „mit in’s Boot holst“  – zumindest dann, wenn deine Gefühlsäußerungen

  • echte Gefühle beinhalten,
  • authentisch sind und
  • nicht aus einer Drama-Energie kommen.

Echte Gefühle bedeuten, dass Du davon sprichst, wohin deine Mundwinkel zeigen und wie du dich deshalb fühlst. Zeigen sie nach unten, bist du womöglich traurig, frustriert oder mutlos. Zeigen sie nach oben, bist du vielleicht fröhlich, glücklich oder hoffnungsvoll.

Die Gewaltfreie Kommunikation unterscheidet sehr klar zwischen echten Gefühlen und Pseudo-Gefühlen.

Echte Gefühle beschreiben eine momentane emotionale „Seins-Qualität“. Das heißt konkret: Wenn du über echte Gefühle sprichst, dann sagst du, wie du gerade emotional „drauf“ bist. Das kann z.B. sein: „Ich bin… unglücklich, gestresst, müde“ oder auch: „Ich bin … freudig, entspannt, quicklebendig“.

Pseudo-Gefühle beinhalten stattdessen immer eine persönliche Bewertung dessen, was jemand anscheinend mit dir macht. Kein Wunder, dass Menschen das nicht besonders mögen. Hier ein paar Beispiele für Pseudo-Gefühle, die du vielleicht häufiger benutzt, als dir bewusst ist:  

  • „Ich fühle mich ungerecht behandelt“
  • „Ich fühle mich nicht verstanden“
  • „Ich fühle mich echt verletzt“
  • „Ich fühle mich nicht ernst genommen.“

Vielleicht ist es dir schon aufgefallen? Echte Gefühle werden mit einem „Ich bin“ verknüpft, während Pseudo-Gefühle in aller Regel mit einem „Ich fühle mich…“ verbunden werden.

Authentische Gefühlsäußerungen sind wichtig, weil die meisten Menschen einen feinen Radar für Kongruenz haben. Kongruenz bedeutet, dass verbale Äußerungen und non-verbale Signale (z.B. Mimik, Körperhaltung oder Stimmlage) übereinstimmen. Das ist allerdings nur der Fall, wenn deine Gefühlsäußerungen übereinstimmen mit dem, was du tatsächlich fühlst.

Konkret bedeutet das:

  • Bist du traurig, dann ist es nicht authentisch, wenn du sagst, du seiest unsicher.
  • Wenn du ärgerlich bist, dann ist es nicht authentisch, wenn du sagst, du seiest irritiert.
  • Wenn du mutlos bis, dann ist es nicht authentisch, wenn du sagst, du seiest lustlos.

Oder auch:

  • Du sagst langsam und mit hängenden Schultern: „Ich bin total motiviert!“
  • Du bist stinkwütend und sagst mit zynischer Stimme: „Ich finde, wir sind echt ein tolles Paar!“

Als Drama-Energie bezeichne ich übermäßig starke emotionale Reaktionen bezogen auf das auslösende Moment. Ist man „im Drama“, dann fehlt die emotionale Gefasstheit, die den Menschen dabei unterstützt, sich bezogen auf die gegebene Situation angemessen zu verhalten.

Du willst mehr über Drama-Energien erfahren? Dann freu dich auf einen meiner nächsten Blogposts!

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Im Fall von Thea und Paul könnte es im zweiten Schritt ganz unterschiedlich weitergehen, je nachdem welches Gefühl bei Thea im Moment dominiert:  

Beobachtung   
Thea (in gefasstem, ruhigem Ton):        Wir hatten heute Morgen beim Kaffee ausgemacht, dass wir heute
einen gemütlichen Abend zusammen verbringen wollen. Jetzt
komme ich nach Hause und sehe dich zwischen Papierstapeln und
Aktenordnern am Esszimmertisch sitzen.

Gefühl 
Thea (weiterhin gefasst):                      Wenn ich das sehe, bin ich gerade…
– frustriert
– echt traurig
– total verwundert

4.3. Schritt 3: Bedürfnis

Mit Schritt zwei ist es dir im besten Fall gelungen, dein Gegenüber emotional zu erreichen. Jetzt geht es darum, ihm zu vermitteln, worum es dir im Grunde geht. Deine Bedürfnisse helfen dir dabei.

Bedürfnisse im Sinne der GFK sind das, was du (wie auch jedes andere Lebewesen) im jeweiligen Moment gerade brauchst, um dich rundum wohlzufühlen. Ein Bedürfnis kann also so etwas sein wie: Ruhe, Anregung, Gemeinschaft oder emotionales Verstandenwerden.

In der GFK geht man davon aus, dass alle Menschen die gleichen Bedürfnisse haben – aber nicht notwendiger Weise zur selben Zeit oder in der gleichen Intensität. Aufgrund ihres universellen Charakters sind Bedürfnisse ein guter Weg, um miteinander in Verbindung zu kommen, auch wenn die Situation gerade eher noch „haarig“ ist. Gerne möchte ich dies an einem Beispiel erläutern:

Beispiel

Gehen wir davon aus, ein neuer Nachbar zieht in die Hausgemeinschaft ein. Wir haben bereits kurz miteinander gesprochen und uns einige Male, als wir uns sahen, gegrüßt. Vor zwei Wochen passierte dann folgendes: Der Nachbar kam mir entgegen, als ich schwer bepackt und mit meinem Hund an der Leine gerade ziemlich entnervt in den Tiefen meiner Tasche nach meinem Wohnungsschlüssel kramte. Dann fing auch noch das Handy zu klingeln an. Ich muss gestehen – in dieser Situation habe ich es doch glatt vergessen, ihn zu grüßen!

Seit diesem Vorfall scheint mein Nachbar mir aus dem Weg zu gehen, denn er nestelt konzentriert am Briefkasten herum, wenn ich ihm entgegenkomme oder bleibt kramend so lange in seinem Auto sitzen, bis ich wieder außer Sichtweite gerate.  

Würden wir uns die Chance geben und uns bedürfnisorientiert austauschen, dann könnte ich womöglich verstehen, dass er seit dem Vorfall vor zwei Wochen unsicher ist, weil er gerne darauf vertrauen möchte, dass er willkommen ist. Womöglich würde er sich im weiteren Verlauf unseres Austausches ganz schön wundern, wenn er wiederum von mir verstehen würde, dass ich die letzten beiden Wochen auch zunehmend unsicher werde, weil auch ich das Bedürfnis danach habe, willkommen zu sein.

Ich bin mir sicher: Könnten wir uns auf dieser Ebene begegnen, so würde sehr schnell Verbindung entstehen zwischen meinem Nachbarn und mir. Es würde Verbindung entstehen, weil wir beide erkennen könnten, dass wir uns im Grunde nach dem Gleichen sehnen: Vertrauen zu können, willkommen zu sein. Und in diesem Bedürfnis würde ich mich in ihm erkennen können und er sich in mir. Dieses Sich-im-Gegenüber-erkennen-Können macht Menschen im Herzen weich und erreichbar – beste Voraussetzungen auch für meinen Nachbarn und mich, über den Umweg einer bedürfnisorientiert aufgelösten Beziehungsstörung womöglich sogar richtig gute Buddies zu werden.  

Obwohl Bedürfnisse eine so bedeutende Rolle in unserem Leben spielen, erlebe ich es doch eher selten, dass Menschen sich ihrer Bedürfnisse tatsächlich bewusst sind. Viele Menschen hängen in „Tun-Fixierungen“ fest (also der fixen Idee, eine ganz konkrete Sache tun zu müssen) ohne zu wissen, welche Bedürfnisse sie sich mit diesem Tun überhaupt erfüllen möchten. Auch fällt es vielen Menschen schwer, herauszubekommen, weshalb sie zum Beispiel unleidig oder unzufrieden sind. Oft braucht es eine gute Menge bedürfnisorientiertes Spiegeln, bis Menschen die tieferliegenden Gründe für ihr Unleidigsein oder ihre Unzufriedenheit erkennen können.

Wie geht es nun bei Thea und Paul weiter?
Gehen wir davon aus, dass Thea bereits ein recht ausgeprägtes Bedürfnisbewusstsein hat. Ist es ihr möglich, auch im Ernstfall schnell auf ihr Bedürfnisbewusstsein zuzugreifen, dann könnte Schritt 3 in unserem Beispielfall wie folgt klingen:

Beobachtung                Wir hatten heute Morgen beim Kaffee ausgemacht, dass wir heute einen
gemütlichen Abend zusammen verbringen wollen. Jetzt komme ich nach Hause
und sehe dich zwischen Papierstapeln und Aktenordnern am Esszimmertisch
sitzen.

Gefühl + Bedürfnis       Wenn ich das sehe, bin ich gerade…
– frustriert, weil ich merke, wie wichtig es mir nach diesem anstrengenden Tag
ist, in einem schönen und geordneten Umfeld entspannen zu können.

– echt traurig, weil ich mich auf einen verbindenden Abend mit dir gefreut habe.

– total verwundert, weil ich gerne verstehen möchte, weshalb es gerade so aussieht,
wie es aussieht.

Entscheidend an dieser Stelle wird es sein, ob Thea ihre Bedürfnisse aus einer „Energie des Mangels“ oder aus einer „Energie der Fülle“ bei Paul platzieren kann. Je besser es Thea schafft, ihre Bedürfnisse aus einer positiven „Sehnsuchtsenergie“ heraus anzusprechen (und damit auch ohne Vorwurf!), umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie mit dem, worum es ihr geht, bei Paul ankommen kann.

4.4. Schritt 4: Bitte

Nachdem du bei Schritt 1 klargestellt hast, über welches konkrete Ereignis/Verhalten du mit deinem Gegenüber sprechen möchtest, nimmst du in Schritt 2 und Schritt 3 dein Gegenüber mit in „deine Welt“. Beim 4. Schritt der Gewaltfreien Kommunikation geht es nun darum, den Weg zurück zu deinem Gegenüber zu finden. Insofern spreche ich gerne von der „Brückenfunktion“ der Bitte.

Mit der Bitte setzt du einen Handlungsimpuls in Richtung deines Gegenübers. Dieser Handlungsimpuls kann entweder dialogischer Natur sein oder auf ein konkretes Tun bezogen. Vermutlich klingt das jetzt erst mal ziemlich unverständlich, doch ich bin mir sicher, dass du bald verstehen wirst, was ich damit meine. Dazu muss ich allerdings ein wenig ausholen:

Die Gewaltfreie Kommunikation kennt vier Arten der Bitten:

  • Wiedergabebitte
  • Verständnisbitte
  • Beziehungsbitte
  • Handlungsbitte

Wie du an den einzelnen Bezeichnungen leicht erkennen kannst, geht es lediglich bei der Handlungsbitte um eine konkrete Handlung unseres Gegenübers. Die anderen Bitten zielen auf etwas völlig anderes ab – auch wenn immer wieder verschiedene Beiträge zur GFK glauben lassen wollen, dass es bei der GFK-Bitte insbesondere darum gehe, unmittelbar nachdem wir unsere ersten drei Schritte platziert haben, das zu bekommen, was wir von unserem Gegenüber wollen.

Wenn ich solche Dinge lese, dann kann ich wirklich schwer an mich halten, denn mir ist es äußerst wichtig, die GFK so zu vermitteln, dass sie als kommunikatives Konzept wirklich Sinn ergibt. Und mal ehrlich: Wie kann man ernsthaft davon ausgehen, dass unser Gegenüber nur darauf wartet, uns das zu erfüllen, worum wir es bitten – nur weil wir ihm zuvor unsere Gefühle und Bedürfnisse verkündet haben? Zwischenmenschliche Interaktion funktioniert so einseitig nur äußerst selten.

Die Grundidee der Gewaltfreien Kommunikation ist deshalb auch eine dialogische. So geht es bei der GFK primär nicht um schnelle Lösungen, sondern vor allem um ein In-Austausch-Kommen und damit um bewusste Dialoggestaltung.

Genau deshalb sind die ersten drei Bitten der GFK auch dialogischer Natur. Je nachdem, welchen Aspekt des kommunikativen Austausch- und Verständnisprozesses du überprüfen möchtest, wählst du die hierfür passende Bitte aus:

  • Mit der Wiedergabebitte überprüfst du, was dein Gegenüber gehört zu haben meint indem du fragst: „Kannst du mir bitte kurz sagen, was du mich hast sagen hören?“
  • Mit der Verständnisbitte kannst du überprüfen, welchen individuellen Bedeutungsgehalt dein Gegenüber deinen Worten gibt. Du fragst also ab, was es aus deinen Worten „herauszulesen“ meint. Das kannst du tun, indem du fragst: „Kannst du mir bitte sagen, wie du mich verstanden hast?“
  • Mit der Beziehungsbitte kannst du in Erfahrung bringen, was deine „Message“ emotional bei deinem Gegenüber auslöst. Hierzu kannst du zum Beispiel fragen: „Magst du mir sagen, wie es dir damit geht, was du von mir verstanden hast?“

Im besten Fall nutzt du die Fragen kaskadenartig: Das bedeutet, dass du erst mal überprüfst, ob dein Gegenüber dich überhaupt so verstanden hat, wie du verstanden werden wolltest. Ist dem so, kannst du dann in Folge die Beziehungsbitte stellen. Hat dir dein Gegenüber gesagt, wie es ihm mit deinen Worten geht, dann kannst du das Gespräch analog der ersten drei Bitten in dein Gesprächsfeld zurückholen. Dazu fragst du einfach dein Gegenüber, ob es hören mag, wie du es verstanden hast. Ist dein Gegenüber offen dafür (und ehrlich, mir ist in den vielen Jahren, seitdem ich die GFK für mich entdeckt habe, kaum ein Mensch begegnet, der nicht gerne verstanden werden möchte und daher diese Frage verneint…) dann wiederholst du mit eigenen Worten, was du von ihm verstanden hast. Stimmt das von dir Verstandene mit dem von ihm Gemeinten überein, kannst du als nächstes fragen, ob dein Gegenüber hören mag, wie es dir mit seinen Worten geht.

Auf diese Weise kreierst du mithilfe der Bitten dialogische Schleifen, durch die du gemeinsam mit deinem Gegenüber mehr und mehr in einen verbindenden und eng aufeinander bezogenen Austausch kommst.  

In Theas und Pauls Fall könnte Thea nun folgenden ersten Gesprächsführungsimpuls setzen:

  • Ich bin gerade total gestresst, weil ich merke, wie wichtig es mir nach diesem anstrengenden Tag ist, in einem schönen und geordneten Umfeld entspannen zu können. Kannst du mir bitte sagen, was bei dir angekommen ist?

  • Ich bin irritiert, weil ich gerne verstehen möchte, weshalb es gerade so aussieht, wie es aussieht. Würdest du mir bitte kurz erklären, was der Grund hierfür ist?

5. Woran merke ich, dass mir die 4 Schritte gelingen?

Eine Kommunikationsregel aus dem NLP besagt: Die Reaktion deines Gegenübers ist ein Feedback zur Wirksamkeit deiner Kommunikation. Bezogen auf die Frage, woran du merkst, dass dir die 4 Schritte gelingen, bedeutet das: Wenn dein Gegenüber entspannt und zugänglich bleibt, dann hast du beim Anwenden der 4 Schritte sehr wahrscheinlich ganz schön viel richtig gemacht.

6. Wann gehen die 4 Schritte „in die Hose“?

Es gibt viele Gründe, weshalb die 4 Schritte in die Hose gehen können und schlichtweg nicht gelingen. Die zwei wichtigsten Gründe aber sind:

  • Du tust gefasst, bist innerlich aber noch immer „angefressen“.
    Dein „Angefressensein“ macht sich in diesem Fall durch „non-verbalen Botschaften“ (Tonfall, Mimik, Gestik etc.) bemerkbar. Da Kommunikation – je nachdem, welche Quelle du hierzu liest – zu 80 bis 93 % non-verbal verläuft, ist es äußerst schwierig, den eigenen Unmut zu verstecken. So sehr du dir auch Mühe gibst: Er wird dir so lange durch die Poren quellen, bis sich dein Unmut nicht aufgelöst hat.

Was es wirklich braucht, dass du Unmut und Ärger auflösen kannst, das werde ich in einem meiner nächsten Blogposts erklären.

  • Du nutzt Kommunikation mit Eskalationspotenzial – ohne dass du es merkst!
    Auch wenn Du noch so aufpasst und Formulierungen mit Eskalationspotenzial vermeiden willst: Es werden sich dennoch immer wieder dysfunktionale, d. h. wenig beziehungsförderliche, Sprachmuster einschleichen in das was du sagst. Damit bist du allerdings gar nicht allein. Sogar in meinen Übungsgruppen erlebe ich immer wieder, wie machtvoll all die unbewusst übernommenen Sprachmuster sind: Sogar in vorbereiteten Gesprächssequenzen begegnen uns immer wieder mehr oder weniger subtile Formen von Kommunikation mit Eskalationspotenzial. Ganz besonders spannend finde ich dabei, dass teilweise auch den anderen Teilnehmenden die Sprachmuster erst mal nicht auffallen, weil sie selbst auch zu viele davon unbewusst „intus“ haben.

7. Besteht die Gewaltfreie Kommunikation nur aus den 4 Schritten?

Die Gewaltfreie Kommunikation besteht übrigens nicht nur aus den hier vorgestellten „4 Schritten“, sondern beinhaltet drei weitere Prozesse.

Alle vier Prozesse sind wichtig, wenn man Gespräche so führen möchte, dass sich sämtliche Beteiligten gut und verstanden fühlen und Lösungen entstehen, die für alle passen. Welche sonstigen Prozesse sonst noch zur GFK gehören – auch dazu werde ich nach und nach gesonderte Blogbeiträge schreiben.

Du hast Lust bekommen, noch mehr über die 4 Schritte der GFK zu erfahren, so dass du sie wirksam anwenden kannst? Dann ist mein Einführungskurs das passende Format für dich. Hier bekommst du weiterführende Infos.

8. FAQ

Wieso helfen die 4 Schritte dabei, Missverständnisse zu vermeiden?

Je knapper die Formulierung, umso leichter entstehen Missverständnisse. Mit den 4 Schritten der GFK kann man dem entgegensteuern. Dazu werden „einfache“ Sätze übersetzt in Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis und Bitte. Dadurch wird klar, worauf man sich bezieht, was einem wichtig ist und was man vom Gegenüber bekommen mag.

Wann gehen die 4 Schritte „in die Hose“?

Die Gewaltfreie Kommunikation ist nicht nur eine Kommunikationstechnik, sondern auch eine Kommunikationshaltung. „In die Hose gehen“ können die 4 Schritte also dann, wenn du entweder technische Fehler bei deiner Wortwahl machst oder aber deine Haltung nicht stimmt. Insbesondere in der Anfangsphase klappt es oft mit beidem nicht.

Piroska Gavallér-Rothe

Piroska Gavallér-Rothe

Kommunikations-Coach, Buchautorin, Speakerin
Hallo, ich bin Piroska

Wenn Du tiefer einsteigen willst, kontaktiere mich gern!

Dies ist ein Bild von Piroska-Gavaller-Rothe, Kommunikationstrainerin

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